Scheiß auf deine Morgenroutine.

Puh, ich bin in einem Dilemma. Zum einen bin ich ja ziemlich interessiert an diesen ganzen Persönlichkeitsentwicklungsdingen, bin empfänglich für diesen ganzen spirituell-esoterischen Sprech von glücklichem, erfüllten Leben und dass wir das anziehen, was wir ausstrahlen.

Und auf der anderen Seite bin ich angewidert von dieser Industrie und Maschinerie, die da entstanden ist, die sich seit Jahren immer mehr ausdehnt, mehr und mehr Raum einnimmt. Es ist ein Markt geworden und wie alle Märkte lebt auch dieser davon, dass er (neue) Bedürfnisse erschafft, die zu Bedarfen werden, die eine Nachfrage auslösen, damit Kaufkraft freigesetzt wird.

Von der Schmuddelecke zum Spiegel-Bestseller-Regal

Waren noch vor 20 Jahren Bücher zu „Lebensthemen“ oder „Esoterik“ im Buchladen in das letzte kleine freie Regalstück ganz hinten irgendwo zwischen Ernährungsratgebern und Büchern über Krankheiten untergebracht, so sind inzwischen ganze Etagen für die gut verkäuflichen Themenwelten Spiritualität, Persönlichkeitsentwicklung und Lebenshilfe reserviert.

Aber nicht nur das. Ganze YouTube-Channels, Podcasts und viele viele Blogs existieren, es gibt Workshops, Online-Coachings und Akademien und alle haben sich nur ein Thema zum Ziel gemacht: Wie Du, ja DU, ein besseres, erfüllteres und glücklicheres Leben führen kannst.

Dem voran geht doch aber die Prämisse, dass Dein, ja DEIN, Leben anscheinend ja wohl nicht gut (genug), erfüllt (genug) und glücklich (genug) ist. Wer entscheidet das überhaupt und warum sollte ich Coach/Influencer XY glauben, dass mein Leben verglichen mit dem, was XY zu bieten hat, verbesserungswürdig ist? Kennen wir uns persönlich? Nein. Also.

Burnout mit Bürstenmassage

Man rutscht da aber trotzdem so rein, sieht Influencer, die ihre Morning Routine teilen. Sie ereifern sich darüber, warum es so wichtig ist und wie es Ihnen hilft, morgens gleich das Bett zu machen, dann fünf Minuten Ölziehen, während man, das Kokosöl noch im Mund bewegend, eine kräftigende Bürstenmassage macht. Dann trinkt man wahlweise ein Ingwerwasser oder Wasser mit Zitrone oder warmes Wasser oder irgendwas anderes, worauf kein normaler Mensch kommen würde und begibt sich schnurstracks zur Yogamatte, wo man so ungefähr 15-20 Minuten Yoga macht. Dann darf die Meditation natürlich nicht fehlen und am besten liest man auch noch was Inspirierendes morgens. Dann noch Morning Pages schreiben (oder kam das gleich nach dem Aufstehen aber noch vor dem Betten machen? Egal…), denn es ist ja wichtig, den Kopf morgens gleich ganz frei zu bekommen. Dann will der Tag im Kalender geplant werden, damit man den Tag auch wirklich fokussiert angehen kann. Geduscht, Haare frisiert und geschminkt wird sich in dieser ganzen Routine auch noch und es wird natürlich auch ein gesundes, fancy Frühstück eingenommen (muss man ja auch auf Instagram teilen).

Und jetzt mal ganz ehrlich Freunde. Um eine solche Routine auch nur ansatzweise durchziehen zu können, müsste ich um 4:30 Uhr morgens aufstehen, denn ab 7 Uhr bin ich nur noch damit beschäftigt, mein Kind zu wecken und in den Schulbetrieb zu überführen, damit ich dann danach auch aus dem Haus gehen kann. Immerhin muss ich zwischen acht und halb neun auf Arbeit sein.

Was es mir bringen soll, für mein persönliches Wachstum oder Wohlbefinden, wenn ich fortan mitten in der Nacht aufstehen muss, um ein solches Programm zu absolvieren, habe ich auch noch nicht ganz verstanden. Wenn ich dieses Pensum da überhaupt schon sehe, was ich morgens als healthy Routine absolvieren soll… das ist nicht healthy, da bekomme ich vom zusehen schon Burnout.

Die gute alte Zeit

Erinnert ihr euch noch an die Schulzeit? Ich persönlich gehörte da zu denen, die ungefähr 1 Stunde vor der ersten Stunde aufgestanden ist. In der Zeit habe ich mich angezogen, war im Bad, habe mal gefrühstückt oder auch nicht, je nachdem ob ich Hunger hatte, habe definitiv Kaffee getrunken und habe den 15-minütigen Schulweg zu Fuß absolviert. Dann habe ich noch mit meinen Freundinnen und Freunden gequatscht bevor es um 7 Uhr 35 losging. Und damit gehörte ich schon zu denen, die es morgens ge-müt-lich haben angehen lassen.

Meine beste Freundin war eher so: Okay, was ist das absolute Minimum, das ich an Zeit brauche? Um 7:15 kommt mein Schulbus, okay, ich stehe um 7:oo Uhr auf, 15 Minuten müssen reichen, wachwerden kann ich auch im Bus.

Hatte irgendwer von uns damals das Gefühl, ein schlechter Mensch zu sein? Hat uns irgendwas gefehlt, waren wir nicht in unserer inneren Mitte? Nein.

Und warum sollte sich daran irgendwas geändert haben?

Ich bin auch heute noch jemand, der morgens relativ lang braucht um in die Gänge zu kommen. Ich stehe lieber einen Tacken früher auf und habe dafür mehr Zeit, um aus dem Haus zu kommen. Ich brauche meinen Kaffee und Zeit im Bad. Was ich nicht brauche ist ein Routineprogramm von Aktivitäten, von denen mir von außen zugetragen wird, dass sie mein Leben bereichern oder verbessern. Denn, erinnern wir uns kurz, derjenige, der mir sagt: „Du ich hab da was, was dein Leben verbessert“, der sagt mir hintenrum nämlich auch „Dein Leben ist verbesserungswürdig“ sprich, dein Leben ist nicht gut genug, so wie es gerade ist.

Und das finde ich eigentlich ziemlich unverschämt, ehrlich gesagt.

Und das macht auch was mit uns. Es setzt nämlich diesen kleinen Floh ins Ohr, dass immer was zu optimieren ist an uns. Und wo was zu optimieren ist, da ist was nicht in Ordnung. Und dieser Floh lässt uns leider all zu oft mit dem Gefühl zurück, dass wir nicht in Ordnung und nicht gut genug sind, dass wir versagt haben, dass wir selbst schuld sind. Das genaue Gegenteil also eigentlich von dem, was da andauernd gepredigt wird. Denn angeblich geht es all denen doch nur um unsere Glückseligkeit. In Wahrheit aber werden wir demoralisiert – und sind dann bereit noch mehr gute Ratgeber kaufen.

Warum aber sollte ich mir die Glückseligkeit, die ich verspüre, wenn ich morgens lange ausschlafen kann, dadurch kaputt machen lassen, dass ich meinen Wecker auf 4:30 Uhr stelle, weil ich eine Morgenroutine ab arbeiten muss? Warum sollte ich morgens Zitronen in mein Wasser pressen, wenn mir das die Magensäure hochtreibt und ich davon Sodbrennen bekomme?

Das wirklich wahre Geheimrezept, was glücklich macht: Lass dir nicht so viel von anderen Leuten reinreden. Lass dich nicht beeinflussen. Glaub nicht alles, was andere dir erzählen. Bewahre dir deine eigene Meinung. Befolge keine Ratschläge, vor allem wenn du vor kurzem nicht einmal wusstest, dass du zu diesem Thema überhaupt einen Rat brauchst.

Du musst dein Leben nicht verbessern. Du musst dein Leben einfach nur leben – und zwar so, wie du, ja DU es für richtig hältst. Wenn Du morgens Bock hast joggen zu gehen, mach das. Wenn Du morgens lieber auspennst und erst nach der Arbeit Gas gibst – auch fein. Und wenn Dir beim Ölziehen morgens schlecht wird, lass dir gesagt sein, Du bist damit nicht allein… örgs.

Alles Liebe ♡

Liv

Related Posts

1 Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.