Die Elektronik-Euthanasie.

Wer über Instagram hierher gefunden hat (und die lange Caption gelesen hat), weiß es nun schon. Ich habe meinen guten, alten Röhrenfernseher verraten. Nicht verraten und verkauft, denn gute, alte Röhrenfernseher finden keine Abnehmer mehr. Zu Hauf stehen sie auf Verkaufsportalen, für 10 oder 15 € oder auch zu verschenken. Sie stehen da wie sauer Bier und niemand will sie haben. Ich habe meine Röhre einfach nur verraten.

Es tut mir in der Seele weh, ein Haushaltsgerät, das einwandfrei funktioniert und das mal gebaut wurde, um 20 Jahre und mehr zu halten, wegzuwerfen, auszusortieren und durch ein neueres Gerät zu ersetzen – einfach so, ohne wirkliche Not dahinter. Not, das ist bei mir: Irreparabel kaputt oder wirtschaftlicher Totalschaden.

„Warum gehst Du nicht endlich kaputt?“

Insgeheim habe ich schon ein paar mal gehofft, dass die alte Möhre, äh, Röhre, doch vielleicht einfach irgendwann mal durchbrennt. Abfackelt. Kaputtgeht. Was auch immer. Ich gebe zu, dass ich in den vergangenen Jahren schon das ein oder andere Mal mit den schicken flachen Fernsehern geliebäugelt habe und dachte, wie schön es wäre, Inhalte aus den Mediatheken nicht immer am MacBook oder iPad schauen zu müssen. Ja, ich habe mir manchmal gewünscht, dass ich einen legitimen Grund hätte, mein altertümliches Gerät zu ersetzen. Aber nein, die Möhre röhrt und röhrt und röhrt.

Es gibt mit Sicherheit genügend Leute, für die das Vorhandensein von zwei Scart-Anschlüssen und die Ermangelung von HDMI, WLAN, USB und Bluetooth technischer Defekt und damit Anlass genug wäre, um das Teil zu verschrotten, aber ich bin da einfach anders gestrickt. Das ist meine Form von Nachhaltigkeit.

Versteh mich nicht falsch, ich finde es auch wichtig, kein Fast Fashion zu shoppen. Und wenn, dann wenigstens die Klamotten so lang als möglich zu tragen (hochwertig und nachhaltig und fair ist by the way verdammt schwierig, wenn man aus der Standard-Konfektion herausfällt). Ich achte auch auf regionales und saisonales Obst und Gemüse, kaufe viel Bio, vermeide Plastik usw. Auch das ist alles superwichtig.

Früher war nicht alles, aber doch manches besser.

Aber was ich ums Verrecken nicht in meinen Kopf bekomme, ist die Tatsache, wie sehr es zur Normalität geworden ist, dass Elektro- und Haushaltsgeräte alle paar Jahre fällig sind. Wie anstandslos das hingenommen wird, dass heute verkaufte Waschmaschinen plötzlich nach zwei, drei oder fünf Jahren kaputt gehen. Dass Reparaturen einfach nicht mehr möglich oder nicht mehr wirtschaftlich sind und deshalb ein neues Gerät her muss. Wie leichtfertig wir es akzeptieren, dass Unterhaltungselektronik-Hersteller einfach nach zwei oder drei Jahren den Support für Apps und Geräte einstellen und so Ihren Geräten künstliche Sterbehilfe zukommen lassen. Wir wissen von geplanten Obsoleszenzen wissen und tun nichts dagegen. Ja, wir regen uns nicht einmal mehr drüber auf.

Denn gerade die Großgeräte, die Investitionsgeräte, sollten es doch sein, die lange halten. Und nachweislich, auch das wissen wir, können diese auch lange halten. Ich besitze beispielsweise eine Krups-Brotschneidemaschine aus dem Jahr 1975, sie ist also älter als ich selbst. Und schnurrt noch genauso wie am ersten Tag. Meine erste Waschmaschine (Nein, keine Miele, sondern eine damals sehr günstige, weil völlig unbekannte Samsung erworben im Jahr 1999 für 450,- DM, hielt 15 Jahre. Meine zweite Waschmaschine hingegen, ebenfalls Samsung, erworben im Jahr 2014 für 750 € hielt genau 2 Jahre und 2 Monate. Das Ersatzgerät, das ich 2016 aus Kulanz bekam, weil es doch arg nah an der Garantiezeit war, hat dann übrigens 2 Jahre und 4 Monate gehalten.

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Laut Hersteller ist das nur ein Einzelschicksal und ein dummer, bedauernswerter Zufall. (Eine dritte Waschmaschine auf Kulanz hat man mir damals trotzdem nicht gegönnt.) Aber man wird wohl schon darüber nachdenken dürfen, warum mit zunehmender Expertise die Haltbarkeit anscheinend nicht verlängert sondern eher verkürzt wurde. Rein intuitiv hätte ich das Gegenteil erwartet. Und das gilt natürlich nicht nur für Waschmaschinen.

Ich lass los, lass jetzt los

Meine Röhre ist übrigens 18 Jahre alt. Und ich hab ihn noch nicht mal neu gekauft. Sondern ich habe ihn vor etwa 7 Jahren von meinen Eltern übernommen, die haben sich damals nämlich so einen schicken neuen flachen Fernseher gekauft. Zuvor hatte ich, man halte sich fest, noch meinen Sony Trinitron aus dem heimischen Kinderzimmer mit einer Bildschirmdiagnonale von gerade mal 30 cm – wenn’s hoch kommt. Bis jetzt wurden in unserer Familie die Fernseher immer so lange benutzt, bis man irgendwann buchstäblich in die Röhre geschaut hat. Dieser hier ist nun der erste, der lebendig zu Grabe getragen wird.

Ich tröste mich mit dem Gedanken oder vielmehr der Hoffnung, dass der Fernseher bestimmt eh bald den Geist aufgegeben hätte. Und ich rede mir gut zu, dass ich die Ressourcen, die Energie und Arbeit die vor 18 Jahren in dieses Gerät gesteckt wurden, lange genug genutzt habe. Mit Fug und Recht könne ich mir also auf meine Fahne schreiben, ressourcenschonend und nachhaltig gelebt zu haben. Es bleibt trotzdem ein fader Nachgeschmack.

Die Lieferzeit meines neuen Fernsehers liegt bei ungefähr einer Woche. Vielleicht habe ich ja noch Glück und meine Röhre geht in den nächsten paar Tagen doch noch kaputt. Bekloppt, ich weiß, aber ich würde es mir echt wünschen.

Alles Liebe ♡ 

Liv

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