Die Wa(h)re Selbstliebe.

Selbstliebe ist in aller Munde, nicht wahr? Selbstliebe ist toll. Selbstliebe ist erstrebenswert. Selbstliebe scheint die Antwort auf alles zu sein.

Da ist viel Wahres dran, auch ich bin dafür, sich selbst zu lieben oder wenigstens zu mögen, denn alles andere macht das Leben nur unnötig schwer. Aber was ist diese Wunderwaffe ‚Selbstliebe‘ denn nun eigentlich genau?

Der schöne Schein

Vor allem ein Hashtag, zumindest wenn ich mich in den sozialen Netzwerken umschaue. Schön komponierte Bilder mit einem schicken Lightroom-Preset zeigen die gesunde Bowl, eine Momentaufnahme von der Yoga-Einheit oder einfach ein glückliches Bild vor einer dekorativen Kulisse.

Das alles soll wohl also versinnbildlichen, wie sehr sich die Fotografin / der Fotograf selbst liebt. Die Chiasamen werden aus reiner Selbstliebe gegessen und die Momentaufnahme in der balinesischen Hängematte repräsentiert pure Selflove-Goals!

Dumm nur, dass Selbstliebe ein Gefühl ist und Gefühle kann man so schlecht eindeutig abbilden. Selbstliebe ist außerdem eine Einstellung und auch Einstellungen kann man so schlecht abfotografieren. Es dreht sich eben alles um dein Mindset.

Von Selbstliebe zu Selbstoptimierung

Ich schrieb schon neulich in „Scheiß auf deine Morgenroutine“ darüber, wie wichtig ich es finde, sich nicht so viel von anderen Leuten reinreden zu lassen. Dieses ganze Vergleichen, was leider durch Social Media immer mehr angefeuert wird, ist Gift für die Psyche. Das gilt auch und gerade bei der Selbstliebe. In der Grundidee echt nett gedacht verkommt Selbstliebe nun zum nächsten „Ziel“, das wir erreichen müssen. Nur wer sich selbst liebt, mit sich im Reinen ist, kann auch von anderen geliebt werden. Selbstliebe ist das Zeichen, dass Du es geschafft hast. Mit Selbstliebe kannst Du alles überwinden. Dein Ängste, deine Anhaftungen, deine Flugangst – einfach alles.

Halt, stop!!!Hier geht es nicht mehr um eine selbstbestimmte Selbstliebe, sondern wieder mal um den Anspruch, sich selbst optimiert zu haben.

Deshalb lauten die Tipps, die auf einschlägigen Blogs, für mehr Selbstliebe gegeben werden auch immer nahezu identisch:

  • Tu dir etwas Gutes
  • Erlaube dir, es Dir gut gehen zu lassen
  • Sorge für dich
  • Sorge für guten Schlaf
  • Sorge für gute Ernährung
  • Sorge für Kreativität
  • Führe ein Dankbarkeitstagebuch
  • Praktiziere Meditation und Achtsamkeit
  • Überprüfe deine Glaubenssätze und nutze positive neue Affirmationen um diese aufzulösen
  • Heile dein inneres Kind
  • usw usw

Es ist die immer gleiche Laier von immer gleichen Mitteln, die da bemüht wird. Ob nun für mehr Selbstliebe, für eine Morgen- oder Abendroutine, für das Bestellen beim Universum oder die allgemeine Persönlichkeitsentwicklung. Und die To Do Liste auf dem Weg zur Selbstoptimierung wird somit immer länger und länger.

Die Gießkanne als Allzweckwaffe

Selbstliebe aber ist (im Idealfall!) erst einmal so einfach wie radikal. Denn Liebe ist bedingungslos. Liebe ist einfach da. Liebe versiegt nicht und Liebe ist unerschöpflich. Punkt. Wenn du dich also wirklich selbst liebst, dann wirst Du ziemlich unempfänglich für den ganzen Coaching-Käse.

Nehmen wir mal die (ideale!) Mutterliebe: Eine Mutter liebt ihr Kind, auch wenn es Bockmist gemacht hat. Sie liebt es nicht weniger, weil es in der Schule Probleme hat. Sie hört nicht irgendwann auf ihr Kind zu lieben. Kraft ihrer Liebe akzeptiert und respektiert sie auch, dass ihr Kind andere Entscheidungen trifft als sie treffen würde und ermuntert das Kind in seiner individuellen Entwicklung. Wenn das Kind Schwierigkeiten hat, unterstützt die Mutter es liebevoll bei der Abhilfe.

Jetzt übertragen wir das ganze mal auf das Selbst und stellen schnell fest, dass die allgemeinen Tipps und Tricks für mehr Selbstliebe, die mal wieder (wie bei der Morgenroutine auch) mit der Gießkanne verteilt wurden mit der individuellen Selbstliebe gar nichts zu tun haben. Denn die individuelle Fürsorge, passgenau und bedürfnisorientiert, eben so wie eine Mutter sie ihrem Kind angedeihen lässt, die wirst du von den ganzen Lari-Fari-ExpertInnen nicht mit der Gießkanne abbekommen.

Bestseller: Selbstliebe

Selbstliebe ist ein Produkt. Es ist eine Ware (geworden), die sich gut verkaufen lässt. Selbstliebe klingt besser als Selbstoptimierung. Workshops zur Selbstliebe verkaufen sich ebenso gut wie Bücher zu Thema. Es gibt zahlreiche Videos, Blogs und Blogbeiträge, die sich des Themas auskömmlich annehmen und so Klickzahlen generieren. Die nützen vor allem jedoch erst einmal dem Content-Anbieter.

Die Kehrseite der Medaille ist wie so oft: Du wirst erst recht mit dem Gefühl, nicht okay zu sein, zurück gelassen. Du wirst aufgefordert, Gewohnheiten zu ändern, die du bislang gar nicht für problematisch empfunden hast. Du sollst neue Gewohnheiten implementieren, von denen du bislang noch gar nicht dachtest, dass du sie brauchst. Anstatt zur Selbstliebe findest Du den Weg zu noch mehr Baustellen und noch mehr Themen, die Du bearbeiten sollst und – Überraschung!!! – genau dazu hat der Blog-Betreiber, YouTuber, Podcaster oder Instagrammer ein Workbook, ein Buch, einen Online-Kurs, gar eine Akademie oder bietet Coachings und Workshops zu genau diesen Themen an. Was für ein verrückter Zufall, nicht wahr?

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