La Quenta, por favor.

#coronaelternrechnenab

Unter diesem großartigen Hashtags kommen immer mehr Rechnungen zum Vorschein, mit denen die #coronaeltern noch einen Schritt weitergehen. Nicht gewillt noch länger unentlohnt ungefragt aufgebürdete Arbeit zu übernehmen, senden nun Frauen und Männer Rechnungen an das jeweilig zuständige Ministerium Ihres Landes. Auch ich bin ein solches Elternteil, meine Rechnung habe ich gestern schon auf Instagram geteilt. Warum?

„Ihr habt euch die Kinder doch selbst ausgesucht.“

Äh, ja, natürlich hat niemand mit einer Waffe neben mir gestanden und mich erst zur Empfängnis und dann zur Geburt gezwungen. Das wäre ja, mit Verlaub, auch einfach eine Straftat gewesen, nicht wahr? Natürlich hätte ich auch einfach kein Kind bekommen können. Und mit Blick auf die Familienpolitik und allgemeine Familienfreundlichkeit dieses Landes kann ich auch wirklich JEDE Frau und JEDEN Mann verstehen, der/die sich gegen das Kinderkriegen entscheidet. Ich aber habe mich dafür entschieden. Heisst das nun denn nicht, dass ich ohne Wenn und Aber mein Kind erziehen, begleiten, versorgen, unterstützen, fördern und beherbergen muss? Ja, das heisst es. Das tue ich im übrigen auch.

Es gibt aber nunmal auch Rahmenbedingungen, die so ein Staat bietet, bieten muss, wenn er möchte, dass noch Kinder geboren werden. Und um das auch dem letzten noch mal klar zu machen, der Staat möchte, das Kinder geboren werden. Der Staat braucht Kinder. Die Wirtschaft braucht Kinder. Nachzulesen unter anderem hier in einem Artikel des feministischen Kampfblatts „Wirtschaftswoche“. Es ist deshalb absolut selbstverständlich, dass der Staat hierfür auch die notwendigen Rahmenbedingungen schafft.

2007: Deutschland wird familienfreundlicher, Ursel sei dank

Zu solchen Rahmenbedingungen zählen unter anderem der Ausbau von Betreuungsplätzen, Einkommensausgleich für entgangene Einkünfte während der Kinderbetreuung im Rahmen von Mutterschutz und Elternzeit, frühe Hilfen und Bildungsförderung zur Wahrung der Chancengleichheit und noch einiges mehr. Schon 2007 gab es, damals war Ursula von der Leyen noch Familienministerin, eine Ausgabe des „Monitor Familienforschung“ die sich dem Thema „Familien brauchen Rahmenbedingungen – Deutschland wird familienfreundlicher“ widmete. Gerne mal reinlesen. Das ist 13 Jahre her. Beurteilt selbst, wie weit wir seither gekommen sind.

Von diesen notwendigen Rahmenbedingungen will der Staat nun offensichtlich nichts mehr wissen. Corona-Krise. Da müssen wir jetzt durch. Und das, obwohl viele Eltern gerade finanzielle Einbuße haben, die – ähnlich der Elternzeit – daran liegt, dass Kinder nun zuhause betreut werden müssen, was nun einmal mit der Erwerbsarbeit kollidiert. Ich kenne nicht wenige Eltern, zumeist Mütter, die aktuell auf Kurzarbeit sind, um ihre Kinder noch irgendwie zuhause betreuen zu können. Hier wird von ohnehin schon „nur“ Teilzeit dann nochmal auf 8 bis 10 Stunden die Woche reduziert. Wer gleicht das eigentlich aus? Niemand. Na, klar. Mit den dummen Eltern kannst du es ja machen.

Die heilige Kuh muss vom Eis

Aber nicht nur das. Zusätzlich werden auch noch wesentliche Betreuungs- , Erziehungs- und Bildungsaufgaben des Staates schlichtweg auf Eltern abgewälzt. Dabei haben wir hierzulande sowohl Rechtsansprüche auf Betreuungsplätze als auch eine Schulpflicht. Und wer einmal mit dem Gedanken gespielt hat, die Schulbesuche seines Kindes auszusetzen, der weiß, was da sonst für ein Geschiss drum gemacht wird. Die Schulpflicht ist in Deutschland doch sonst auch eine heilige Kuh, die nicht angerührt wird.

Auf Wikipedia fand ich folgendes schönes Zitat

Der damalige CSU-Vorsitzende Erwin Huber begründete die Schulpflicht im September 2008 mit den Worten:

„Die allgemeine Schulpflicht gilt als eine unverzichtbare Bedingung für die Gewährleistung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung und zugleich als unerlässliche Voraussetzung für die Sicherung der wirtschaftlichen und sozialen Wohlfahrt der Gesellschaft. Sinn und Zweck der Schulpflicht ist nicht nur die Vermittlung von Lehrplaninhalten, sondern insbesondere auch die Schulung der Sozialkompetenz der Kinder. Die Sozialkompetenz wird durch das Lernen in der Klassengemeinschaft und durch gemeinsame Schulveranstaltungen in besonderem Maße gefördert. Neben der Förderung der Sozialkompetenz hat die Schule auch die Funktion, während der Unterrichtszeit auf das Kindeswohlzu achten. Würde man Ausnahmen von der Schulpflicht zulassen, müsste diese Aufgabe von den Jugendämtern übernommen werden. Die Bayerische Verfassung will mit der allgemeinen Schulpflicht alle Kinder und Jugendlichen gleichermaßen und umfassend in die Gesellschaft eingliedern. Dies ist eine der großen emanzipatorischen und demokratischen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts.“[50]

https://de.wikipedia.org/wiki/Schulpflicht_(Deutschland)

Soso, aha, sieh an, sieh an.

Nicht nur Vermittlung von Lehrplaninhalten, sondern auch die Schulung von Sozialkompetenz. Klassengemeinschaft, gemeinsame Schulveranstaltungen, Kindeswohl, Jugendamt???

Tja, mein lieber Staat, da stehst Du jetzt aber doch eigentlich ziemlich dumm da, oder?

Nein. Überhaupt nicht. Denn den Eltern wurden diese einschneidenden Maßnahmen unter dem Stichwort „Corona-Ferien“ einfach so hingeklatscht. Schule und KiTa fällt aus wegen is nich für auf unbestimmte Zeit. „Wir erarbeiten Lösungen.“ Dieser Satz ist ungefähr soviel Wert wie „Bitte legen Sie nicht auf. Der nächste freie Mitarbeiter ist für Sie reserviert“

Wir Eltern sind einfach in die Bresche gesprungen. Wir hatten ja auch keine andere Wahl. Wir haben funktioniert. Von jetzt auf gleich. Haben weiter gearbeitet aus dem Home Office, nebenher die Kinder beschult und betreut. Es blieb uns ja auch nichts anderes übrig. Wie das zu bewerkstelligen sein soll, wie hierbei das Kindeswohl geachtet werden soll, wie die Klassengemeinschaft erhalten bleibt – darüber wurde bis dato noch KEIN Wort verloren.

Freizeitspaß Home Office

Nun scheint sich irgendwie auch hartnäckig der Eindruck zu halten, dass Home Office Arbeit keine richtige oder vollwertige Arbeit sei, denn es wird ja anscheinend davon ausgegangen, dass man NEBEN dem Homeoffice noch problemlos sein(e) Kind(er) betreuen und beschulen kann. Ich arbeite seit 2018 hauptsächlich aus dem Home Office und das ist mein ganz normaler vollwertiger Erwerbsjob. Wenn ich letztes Jahr mit der Begründung, dass ich ja eh im Homeoffice bin, meinen Sohn aus der Schule hätte rausnehmen wollen, weil ich ihn ja selbst unterrichten kann, hätte ich wahrscheinlich mehr als nur einen Vogel gezeigt bekommen. Heute aber gar kein Problem. Schulpflicht lässt sich doch neben dem Home Office erfüllen. Von völlig ungelernten Kräften. Sieh an, sieh an.

Nur ist Arbeit im Home Office genau so Arbeit, nur halt eben zuhause. Manche Menschen, so wie ich, schätzen es sehr, von zu Hause arbeiten zu können. Manche Menschen stresst es extrem und sie schätzen Ihren Arbeitsplatz ausserhalb. Home Office ist nicht per se „easy“, im Gegenteil, für viele Menschen ist die Arbeit für gewöhnlich im Home Office schon anstrengender als im Büro – ganz ohne Kinder.

De facto machen wir also nun mehrere Jobs auf einmal, denn es ist ja noch die Betreuung und Erziehung sowie Beschulung hinzugekommen. Was sagt eigentlich das Arbeitszeitgesetz dazu? Das Home Office entlastet uns ja nicht, es ist ja nur ein anderer Arbeitsort, die Arbeitslast und -zeit ist davon ja erstmal unbenommen. Und selbst wenn Stundenumfänge reduziert werden, stellt das „Homeschooling“ ja trotzdem noch eine Zusatzbelastung dar. On top übernehmen wir nun also Fürsorge- und Bildungsaufgaben des Staates. Und das tun wir bislang, ja, genau, unentgeltlich!

Von Arbeit und Ausbeutung

Es ist also völlig egal, ob jemand „sowieso“ zuhause ist, ob jemand „sowieso“ auf Kurzarbeit ist oder ob jemand „sowieso“ im Home Office ist. Es ist egal, ob die anfallenden Aufgaben aus Kita- und Schulschließungen zusätzlich zur bestehenden Arbeit oder, weil einige Familien anders nicht mehr können, nun anstatt einer anderen Erwerbsarbeit gemacht werden, es ist ARBEIT, die hier gemacht wird und Arbeit die nicht entlohnt wird, ist AUSBEUTUNG.

Wir haben nun sechs Wochen die Zusatzaufgaben übernommen. Nun wird eben abgerechnet. Sechs Wochen hatten Bund und Länder Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, wie man diese Sonderleistung der Eltern finanziell abbilden will. Wurde ernsthaft über ein Corona-Elterngeld diskutiert? Wurde durchdacht, wie Eltern Hilfe bekommen können? Nein, aber über Bundesliga und Hilfen für Großkonzerne.

„Was willst du denn? Sollen die Schulen jetzt wieder aufmachen? Das ist ja auch unverantwortlich.“

Ja, richtig, das wäre unverantwortlich. Auch ich bin der Ansicht, dass wir uns Zeit verschaffen müssen, um dieses Virus in Schach zu halten. Auch ich bin der Ansicht, dass wir es hier mit einer ernstzunehmenden Krankheit zu tun haben und dass wir angesichts einer weltweiten Pandemie nicht Business as usual machen dürfen.

Ich finde aber, dass wir nicht zuallererst über Hilfen für Großkonzerne sprechen sollten, sondern über Hilfen für Familien sprechen müssten.

Ich finde aber, dass wir statt Sonnen- und Fitnessstudios zu öffnen, darüber hätten nachdenken sollen, wie wir zuerst Kinder wenigstens in Kleingruppen, wenigstens stundenweise betreuen und beschulen können.

Ich finde, statt Biergärten zu öffnen und Restaurantbesuche unter Auflagen wieder zu ermöglichen, wo Besucherströme entstehen, die eine Nachverfolgung im Fall einer Erkrankung unmöglich machen werden, hätte man lieber feste Kleingruppen von Kindern bilden können, um Eltern wenigstens etwas zu entlasten.

Niemand erwartet, dass sofort wieder alles öffnet.

Aber kann deshalb die Politik von uns erwarten, dass wir das alles wuppen und auf die leichte Schulter nehmen und unentgeltlich zur Verfügung stehen? Nein. Einfach nein.

„Früher haben die Frauen auch auf dem Feld gearbeitet und nebenher auf die Kinder aufgepasst.“

Früher haben die Kinder auch auf dem Feld mitgearbeitet. Sie gingen ja nicht in die Schule, alles was sie lernen mussten, war die Feldarbeit, die auch sie in Zukunft ernähren würde. Sie waren also in die elterlichen Aufgaben mit eingebunden. Es gab auch keine Schulpflicht. Früher haben die Frauen eben nicht auf dem Feld gearbeitet und nebenher noch den Kindern Lesen und rechnen beigebracht. Ich arbeite aber nicht auf dem Feld sondern in einem Wirtschaftsunternehmen. Soll ich also analog dazu, mein Kind mit auf mein Feld, also in mein Office, Geschäft, die Praxis nehmen?

Solche Vergleiche hinken einfach.

In diesem „früher“, was ihr da zitiert, gab es übrigens auch eine Kindersterblichkeit von 20-30%, viele Kinder erreichten nicht einmal die Pubertät, was vielleicht unter anderem auch daran lag, dass sie mit aufs Feld mussten. Sorry, aber solche Einwürfe kann man einfach nicht ernsthaft als Argument gelten lassen.

Die Abrechnung ist fällig

Meine Arbeitszeit ist nicht kostenlos. Ich habe eben keine Corona-Ferien. Ich habe hier zwei Jobs zu erledigen. Ich halte gesetzliche Arbeits- und Ruhezeiten seit sechs Wochen nicht mehr ein. Ich möchte eine Lösung für diesen Missstand. Ich möchte, dass diskutiert wird, wie wir Familien entlasten. Erfahrungsgemäß wird erst dann diskutiert, wenn etwas anfängt teuer zu werden. Deshalb habe ich eine Rechnung geschrieben. Und ich kann nur jede/n ermutigen das auch zu tun.

Mehr Infos zur Aktion findest Du unter anderem bei

Phoenix-Frauen.de

EditionF

mama-notes.de

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